Besuch der deutschen Anguszüchter in Schweden

Nach unserer letztjährigen Kanadafahrt stand in diesem Jahr Schweden im Reisekalender. Schweden ist in der Anguszucht sicherlich nicht so bedeutsam wie Kanada oder einige andere europäische Länder, dafür aus der Sicht der deutschen Anguszüchter aber noch ziemlich unerschlossen. Wer Schweden erleben und genießen möchte, kann diese Reise nur im Sommer machen. Dabei war uns das Reisebüro Winter und Harder behilflich. Es ist die Zeit des „Midsommar", einer sehr speziellen Zeit für die Bewohner dieses Landes, die nach den langen, dunklen Wintertagen ausgiebig gefeiert und genossen wird.

Und so gingen wir am Abend des 2. Juli mit 25 Personen und unserem Reisebus organisiertum 17.00 Uhr in Kiel an Bord der Autofähre Stena Skandinavica Göteborg. Unser erstes Ziel in Schweden war Göteborg und wurde über den Seeweg am nächsten Morgen gegen 9.15 Uhr durch die Passage einer wunderschönen Hafeneinfahrt erreicht. Unsere Reiseroute hatte die schwedische Anguszüchterin Marie Mander für uns mit ausgearbeitet, eine eloquente Frau, deren Fähigkeiten wir im Laufe unserer Reise noch des Öfteren schätzen und bewundern sollten. Und so ging es zunächst nach Norden in Richtung Karlstad, entlang am Westufer des Vämernsees. Er ist mit 5519 km² der größte See Skandinaviens. Dann weiter über Ørebro nach Stockholm und von dort zurück in Richtung Südwesten über Norrköping, Jönköping und Kristianstad und von dort aus über Malmö und Kopenhagen an die Südspitze Dänemarks zur Halbinsel Møn mit ihrem Fährhafen Rødby, der über Puttgarden eine Verbindung zu Deutschland ermöglicht.

Schweden, das Land der Rassenkreuzungen

Nachdem wir Marie Mander und ihren Sohn Oskar kurz hinter Göteborg an Bord genommen hatten, ging es zu dem Betrieb von Johann Svantesson in der Nähe von Säffle. Wir waren einigermaßen überrascht über das, was auf uns zukommen sollte. Marie und Johann sind ein Ehepaar, haben gemeinsame Kinder aber getrennte Höfe, die 500 km auseinander­liegen und vollkommen eigenständig bewirtschaftet werden. Beide Betriebe wachsen durch Landzukauf, der insbesondere bei Marie durch die Rentabilität der Mutterkuhhaltung bei Johann auch aus den Einnahmen seines Forstes finanziert wird. In Schweden ist die ganzjährige Freilandhaltung eher die Ausnahme und der Stallbau im Vergleich zu Deutschland in der Regel deutlich billiger, da aufwendige Genehmigungsverfahren nicht nötig sind und das verwendete Holz oft dem eigenen Forst entnommen werden kann. Geräumige geschlossene Ställe mit Spacebord Lüftung oder Offenfrontställe sind die Regel. Bei der ganzjährigen Freilandhaltung bedarf es einer Genehmigung, und die wird nur erteilt, wenn den Tieren Unterstellmöglichkeiten, z.B. durch Wald, ermöglicht werden.

Bei der Erweiterung seines Betriebes hat Johann Svantesson neben Ländereien auch das Gutshaus seiner alten kinderlosen Nachbarn gekauft. Das Besondere an diesem Haus war die von den Verkäufern überlassene wunderschöne, gediegene Innenausstattung, die dem Haus einen schönen klassisch herrschaftlichen Stil gab. Die Räumlichkeiten werden Besuchern geöffnet und wir durften unser Mittagessen in dieser noblen Umgebung einnehmen. Der Betrieb bewirtschaftet insgesamt 700 ha, davon 270 ha Acker und 50 ha Wald, der Rest ist Grünland. Der Betrieb wird ökologisch bewirtschaftet mit 200 Mutterkühen und insgesamt 600 Rindern. Wie in Schweden üblich, werden auch auf diesem Betrieb die Bullenkälber blutig kastriert und als Ochsen weitergemästet. Die Tiere entstammen einer Mehrfachkreuzung mit dominierendem Angusanteil. Der Preis für die Schlachthälften liegt bei ca. 4,30 bis 4,50 €/kg. Der Betrieb macht einen Jahresumsatz von 1,5 Mill. €. Der Kaufpreis für Grünland und Ackerflächen liegt bei 3000 bis 5000 €/ha. Die Pachtpreise liegen bei ca. 150€/ha. Regional unterliegen die Preise relativ großen Schwankungen.

Naturschutz als Programm

Der Betrieb von Torbjörn und Stefan Eriksson in der Nähe von Kristinehamn ist voll auf Naturschutz ausgerichtet. Auf den ersten Blick ein für uns etwas ungewöhnlicher Gedanke, dass ein so dünn besiedeltes Land wie Schweden mit riesigen Wald- und Grünlandflächen noch besonders geförderte Naturschutzflächen ausweist. Aber dieses Gebiet hat eine Besonderheit, die in jedem Frühjahr etwa 40 000 Besucher anlockt. Es kommen dann unzählige Schwäne und in ihrem Gefolge viele Wasservogelarten. Schwanenpaare bleiben sich in der Regel ein Leben lang treu, und dieses Gebiet dient als Hochzeitsplatz für die Jungschwäne. Damit dieses großartige Naturereignis nicht verloren geht, bedarf es Rinder, welche die gewässernahen Grünlandflächen freihalten. Seit den 50er Jahren verschwanden die Milchkühe und mit ihnen die Vögel. Der Staat sah sich deshalb gezwungen, durch entsprechende Förderprogramme die Rinderhaltung in diesem Gebiet wieder attraktiver zu gestalten. Seltsamerweise ist der Leberegel hier trotz der sehr feuchten Weideflächen unbekannt. Für die Landschaftspflege mit Rindern bekommen die Brüder Eriksson vom Staat gut 400 €/ha. Bis 1993 war der Betrieb als Ackerbaubetrieb verpachtet. Heute betreiben die Brüder nur noch Grünlandwirtschaft mit 270 Mutterkühen. Darunter sind 35 Hereford-Reinzuchttiere ebenso wie eine kleine Angusherde. Alle anderen Mutterkühe sind Kreuzungen. Die 270 Kühe sind in viele kleine Gruppen aufgeteilt und haben den Abkalbeschwerpunkt jeweils im Herbst und im Frühjahr. Das Erstkalbealter der Kühe liegt bei 2,5 Jahren. 15 Betriebe der Region haben sich zu einem Naturweideprogramm zusammengeschlossen. Es werden, wie in Schweden allgemein üblich, nur Ochsen und Färsen gemästet. Das Verkaufsgewicht liegt bei ca. 375 kg Schlachtkörpergewicht.

Auch der schwedische König hält Angusrinder

Nach unserem Tagesbesuch der schwedischen Hauptstadt mit der sehr schönen Altstadt und dem Königspalast ging es am nächsten Morgen weiter in Richtung Stenhammar in die Nähe von Flen zur Besichtigung eines königlichen Gutes. Dies wurde vom König von der Universität Uppsala übernommen, mit der auch weiterhin eine enge Zusammenarbeit besteht. Auf dem Betrieb werden neben 500 ha Acker 180 ha Grünland bewirtschaftet, von dem ein Teil Hutungsflächen sind, auf denen vornehmlich die Angus stehen. Neben den 40 roten Angus-Herdbuchkühen werden noch 80 Simmentaler-Herdbuchkühe gehalten, die restlichen 180 Kühe sind Kreuzungen Angus x Simmentaler. Die Betriebsleitung hätte gern mehr Angus, aber sie hat nicht das letzte Wort. Bei 300 Kühen werden im Zeitraum von Oktober bis April 290 Abkalbungen registriert. Das Erstabkalbealter liegt zwischen 24 und 27 Monaten, die Geburtsgewichte zwischen 40 bis 44 kg, bei den Angus etwas niedriger. Im Sommer werden 24 Weidegruppen gebildet, zu deren Kontrolle täglich eine Person unterwegs ist und dabei zwischen 90 bis 200 km zurücklegt. Interessant war allerdings noch etwas anderes. Für den Mutterkuhbetrieb wurde im Jahre 2006 eine Stallkapazität von 400 Plätzen neu errichtet. Und wie das bei Betrieben mit hoheitlicher Verwaltung, übrigens auch in Deutschland, des Öfteren anzutreffen ist, gibt es einerseits ein Spezialistenteam, das solche Einrichtungen plant, und andererseits die Menschen vor Ort. Die müssen täglich unter den Ideen der Planer leiden, die mit dem, was sie anrichten, kein Geld verdienen müssen.

Mit Visionen zum Ziel

Unser nächstes Besuch galt der FOGDEGAͦRDEN Farm von Bengt und Gustaf Stureson. Ein Betrieb, der in jeder Hinsicht ungewöhnlich ist. Bengt hat den Betrieb 1981 mit 55 ha übernommen und nach folgenden Visionen weiterentwickelt:

  1. Bei allem, was ich tue, der Beste sein
  2. Das anbieten, was der Kunde will
  3. Freude bei der Arbeit haben
  4. Ethisch vertretbar und umweltfreundlich wirtschaften
  5. Beweglich bleiben

Bengt bewirtschaftet heute mit seinem Sohn Gustaf einen Ackerbau- und Grünlandbetrieb mit 920 ha inklusive etwas Wald. Neben dem Ackerbau baute Bengt zunächst eine Charolaiszucht mit 50- 60 Kühen auf. Sein Sohn Gustaf hat vor zehn Jahren ein Praktikum in Kanada absolviert und baut sich eine Angusherde auf, obschon sein Vater bis zum letzten Jahr der Vorsitzende der schwedischen Charolaiszüchter war. Neben dem Ackerbau und der Mutterkuhhaltung hat sich der Betrieb weitere Standbeine mit einer 10 köpfigen Pferdehaltung, 55 000 Hühnern in Bodenhaltung und der Energieproduktion mit Windrädern aufgebaut. Im Betrieb sind sieben Personen tätig und erwirtschaften einen Umsatz von 20 Millionen SK (ca. 2,3 Mill. €). Wie diszipliniert auf diesem Betrieb gearbeitet wird, wurde in der betriebseigenen Werkstatt sichtbar. Es herrschte eine Ordnung und Sauberkeit wie in einem Entwicklungslaboratorium.

Ferien auf dem Bauernhof

Auf dem kleinen Betrieb von Lena und Roland Johansson und ihren Kindern, den wir mit strahlender Morgensonne erreichten, konnte man sich auf Anhieb wohlfühlen. Ein kleiner bäuerlicher Betrieb, der im Nebenerwerb geführt wird, mit einem krähenden Hahn und seinem Hühnergefolge vor der Tür - das hatte schon etwas. Lena und Roland werden von ihren Kindern bei der Arbeit unterstützt, haben ganz unterschiedliche Vorstellungen was die Rinderrassen angeht und arbeiten doch gut zusammen. Lena, die als Besamungstechnikerin gearbeitet hat, steht mit vollem Herzen hinter der Rasse Angus. Sie schickt Bullen zur Eigenleistungsprüfstation und hat auch schon einen Bullen an die Besamungsstation verkauft. Roland ist eingefleischter Simmentaler- Züchter, und scheint im Augenblick die Oberhand zu haben. Aber beiden ist zu bestätigen, dass sie erfolgreich gute Tiere züchten und perfekte, liebevolle Gastgeber sind, die kleine Wohnungen für eine Ferienzeit auf ihrem Bauernhof anbieten. Nach Besichtigung des Gewächshauses und eines Gedankenaustausch unter Fachfrauen hieß es schweren Herzens Abschied nehmen von diesen wunderbaren gastfreundlichen Menschen.

Angus in ganzjähriger Freilandhaltung

Diese Betriebsform ist nur mit Genehmigung erlaubt und erfordert einen Witterungsschutz für die Tiere. Auf dem Betrieb von Magnus Enarsson nahe Kristianstad werden 60 rote und schwarze Angus Herdbuchkühe und 240 Kreuzungskühe gehalten. Der Betrieb, der 900 ha Grünland und 900 ha Wald umfasst, zeichnet sich durch mehrere Besonderheiten aus. Dazu gehört als erstes die ganzjährige Freilandhaltung. Als notwendige Schutzzone dienen den Tieren in die Weideflächen eingestreute Waldgebiete. In diesen Waldgebieten bringen sie auch ihre Kälber zur Welt. Die Flächen haben früher dem schwedischen Militär als Übungsplatz gedient und stehen praktisch unter Naturschutz. Seit über 100 Jahren hat es an den Weideflächen keine Verbesserung gegeben, und sie zeigten sich dementsprechend auf kargem Sandboden in einem recht bunten Bild mit vielen Kräutern und wenig wertvollen Gräsern - genau passend für die Rasse Angus. Die beiden Reinzuchtherden in Schwarz und Rot bestätigten das sehr eindrucksvoll. Im Winter erhalten die Tiere überwiegend Stroh, Schlempe und die Silage von 79 ha nicht sehr ertragreichem Grünland. Ein tierärztlicher Check der gesamten Herde erfolgt zweimal im Jahr. Alle Kälber der Kreuzungsherde werden zur Mast verwendet und die Bullen selbstverständlich kastriert und als Ochsen verkauft. Der Bruder des Betriebsleiters, der uns die Herden zeigte, berichtete von einer interessanten Entwicklung, welche die Rasse Angus sehr begünstigt. Dies sind einmal die sehr hohen Getreidepreise in Schweden und der Wunsch der Verbraucher nach einer stärkeren Marmorierung des Fleisches. Die hohen Getreidepreise werden durch die Weidemast der Ochsen und Färsen umgangen, und durch die starke Einkreuzung mit Angus ist der Betrieb in der Lage, die gewünschten Fleischqualitäten zu liefern. Sämtliche Schlachttiere werden über zwei Kunden vermarktet. Der Betrieb zahlt für die 900 ha Grünland knapp 60 000 € Pacht und erhält rund 340 000 € EU Prämien.

Zum Abschied einen Grillabend

Marie Mander ist eine feste Größe in der schwedischen Anguszucht, und sie hat mit viel Geschick unsere Reisegruppe dirigiert und begleitet. Zum Ende unserer Reise durch Schweden hatten wir noch die Möglichkeit, einen der ältesten schwedischen Angusbetriebe (Sjövaͦngen Angus) mit 60 schwarzen Herdbuchkühen zu besichtigen. Wir waren beeindruckt von der Qualität dieser Tiere und danach natürlich gespannt auf das, was wir zum Abschluss unseres Aufenthaltes auf Maries Betrieb, der in der Nähe von Kristianstad liegt, sehen würden. Es zeigte sich, dass Marie nicht nur eine gute Reisebegleitung war, sondern auch eine erstklassige Managerin und Züchterin ist. Sie präsentierte uns einen knapp zweijährigen Bullen, den wohl mehr als einer aus unserer Reisegruppe gerne mit nach Deutschland genommen hätte. Wie hätte es für uns Anguszüchter anders sein können, wir wurden von Maries Nachbarn mit Köstlichkeiten vom Grill, bei denen Angusfleisch natürlich nicht fehlen durfte, in einem wunderbaren Ambiente aus Schweden verabschiedet.

Liebe Marie, noch einmal ganz, ganz herzlichen Dank von der Reisegruppe der deutschen Anguszüchter!

Unser Weg zurück in die Heimat führte uns über die Öresundbrücke in die dänische Hauptstadt Kopenhagen und von dort zu den auch in Deutschland sehr bekannten Zuchtbetrieben von Steffen Albrechtsken und Lis Magnusson. Zwei Betriebe, die mit der Vorstellung ihrer Tiere deutlich machten, dass sie zu den Aushängeschildern der dänischen Anguszucht gehören und uns ihre Gastfreundschaft voll zu teil werden ließen. Wir haben auf dieser Reise viele liebenswürdige Menschen getroffen und haben ein Land mit seiner Kultur kennen gelernt, das vielen von uns vorher noch fremd war. Es war für alle ein Erlebnis.

Text und Bilder von Johannes Hibbeln

 Weitere Bilder der Reise im Album.