Deutsche Anguszüchter besuchen Portugal

Die Reisen in den letzten Jahren führten die deutschen Anguszüchter in die Schweiz, den Norden oder Nord-Westen Europas oder nach Kanada, wo eher die Hochburgen der Anguszucht zu finden sind. Dieses Jahr aber ging die Reise nach Portugal, und damit in ein südliches Land mit mediterranem Charakter, welches nicht unbedingt als Hochburg der weltweiten Anguszucht gilt. Die ersten Aberdeen-Angus-Tiere wurden dort Ende des 19. Jahrhunderts importiert. Danach wurden erst wieder 1998 Angusrinder auf das Festland eingeführt. Sie kamen aus Deutschland. Auf den Azoren erfolgten die ersten Importe im Jahre 2005 ebenfalls aus Deutschland. Portugal ist ein Land mit einer aufstrebenden Anguszucht. Ab dem Jahre 2008 wurden jährlich aus den Ländern Irland, Schottland, England und Dänemark Aberdeen-Angus-Tiere im größeren Umfang importiert. Die Population umfasst zurzeit etwa 1500 Aberdeen-Angus- Kühe.

Deutschland spielt bei den derzeitigen portugiesischen Importen keine Rolle mehr, dies kann sich ändern, wenn das Angebot an Aberdeen-Angus-Tieren groß genug ist. Die Association Aberdeen-Angus Portugal wurde 2009 von zehn Personen gegründet und die Zahl der Mitglieder wächst kontinuierlich. Starke Triebfedern dieses Wachstums sind die Vorzüge der Rasse, der Geschäftsführer des Verbandes Paulo Costa und der Schweizer Roland Winter, der seit über 20 Jahren mit seiner Frau Petra in Portugal lebt und zweiter Vorsitzender der Association ist. Der Verband wird als eigenständiger Zuchtverband geführt, wie es weltweit üblich ist. Mit den beiden Herren kam es am Rande eines Meetings 2008 in Irland mit dem damaligen Vorsitzenden des BDAH, Johannes Hibbeln, zu einem Gedankenaustausch. Man verstand sich auf Anhieb prächtig, und es kam zu einer gegenseitigen Einladung, der wir jetzt mit einer gewissen Gespanntheit auf das Land gefolgt sind.

Portugal ist ein relativ kleines Land mit ca. 10,5 Mio. Einwohnern und mit 92.000 km². Fläche etwa so groß wie Bayern und Hessen, die zusammen ca. 18.5 Mio. Einwohnern haben. Die Küstenlänge des Landes beträgt knapp 1800 km und die Entfernung von Frankfurt/Main bis Lissabon ca. 2300 km. Die Portugiesen sind ein uraltes Seefahrervolk mit einer spannenden kulturellen Geschichte, das dem südamerikanischem Kontinent seinen Stempel mit aufgedrückt hat. Brasilien spricht portugiesisch und der Name Brasilien kommt von einer Holzart, welche die portugiesischen Entdecker dort fanden und Brasil nannten. Portugal ist sehr stolz auf die seefahrenden Entdecker und hat ihnen ein sehr schönes Denkmal im Hafengebiet von Lissabon gesetzt. Der bekannteste Name in diesem Gedenkrelief ist Vasco da Gama, der 1497 erstmalig den südlichen Seeweg nach Indien erforschte. Nach der Machtenthebung des Diktators Salazar 1976 gab sich das Land eine neue Verfassung und es kam zu einer territorialen Neuregelung und Landverteilung mit nunmehr sieben Regionen (Provinzen) zu denen auch Madeira und die Azoren gehören. Um 1900 gehörte fast das ganze Land weniger als zehn Familien und bis es feste, gewachsene und belastbare Strukturen nicht nur für die Landwirtschaft geben wird, kann noch einige Zeit vergehen. Die Wertschöpfung der Landwirtschaft ist in den einzelnen Regionen sehr unterschiedlich, traditionell im südlichen Hügelland am geringsten. Am Brutto-Sozialprodukt ist die Landwirtschaft mit nur ca. 2,5 % beteiligt. Die Industrie ist mit knapp 23% dabei, aber der Dienstleistungssektor ist mit mehr als 75% überproportional stark ausgeprägt. Die Landessprache ist portugiesisch, klar abgegrenzt vom Spanischen. Die gegenseitige Zuneigung der Einwohner dieser Länder hält sich in Grenzen. Geographie, Nutzung und wirtschaftliche Entwicklung Portugals können unterschiedlicher nicht sein. Die Algarve, Madeira und die Azoren sind bekannt für einen boomenden Tourismus. Der Norden des Landes mit Porto, der zweitgrößten Stadt und zugleich wichtigste Hafenstadt, gilt als grüne Idylle und ist weltweit bekannt für seinen berühmten Weinanbau und Ackerbau. Aber auch die Weine in den anderen Regionen sind von der Sonne verwöhnt und laden zum Genießen ein! Die Region um Lissabon ist eine eigene Provinz, angrenzend an die Provinzen Centro und Alentejo. Unser Reiseziel war die süd-östlich von Lissabon gelegene Region Alentejo, in der sich mehrere große Angusbetriebe befinden, von denen wir einige besuchten. Bekannt in dieser Region sind die uralten und geschichtsträchtigen Städte Beja und Evora, die von den Römern gegründet wurden, von den Mauren architektonisch geprägt und heute zum Weltkulturerbe gehören.

Treffpunkt Lissabon

Da die 27 Reiseteilnehmer(innen) aus den verschiedensten Regionen Deutschlands kamen, verständigten wir uns darauf, die gemeinsame Fahrt am 2.9. am frühen Abend im Hotel Real Parque in Lissabon, direkt gegenüber der Botschaft des Vatikans beginnen zu lassen. Damit war jedem freigestellt, im Vorfeld sein eigenes Beiprogramm zu gestalten. Die erste Überraschung ließ nicht sehr lange auf sich warten. Wir waren zu einem Abendbuffet geladen, das uns einen wunderbaren Vorgeschmack auf die vielseitige Küche Portugals schenkte und wir lernten, dass Wein, wunderbarer Wein, zum festen, unverzichtbaren Bestandteil mit dazu gehört.

Offensichtlich hat der Wein aber nicht zu Spätfolgen geführt, denn am nächsten Morgen ging die Fahrt mit vollzähliger Teilnehmerzahl pünktlich in den Süden der Provinz Alentejo, Richtung Ourique. Wir erlebten die Landschaft in einer Art Vegetationsruhe. Alle Flächen sahen mehr oder weniger braun aus, bedeckt mit abgestorbenem Gras. Eingesprenkelt in dieses etwas trostlose Landschaftsbild standen grüne Olivenbäume, Kork- oder Steineichenhaine und kleine Kiefernwäldchen, die dem Ganzen einen grünen Hauch verliehen. Die Flächen waren an den Rändern etwa 3-5m breit kultiviert. Diese Streifen dienen als vorbeugende Maßnahme zum Feuerschutz bei Flächenbränden. Ab Mitte Mai hört es in dieser Region Portugals auf zu regnen, und erste, nennenswerte Niederschlagsmengen werden erst Ende September wieder erwartet. Insgesamt fallen in der besuchten Region 400-600 mm Niederschlag, der häufig in Staubecken gesammelt wird. Alles, was neben den Bäumen oder Büschen zu dieser Zeit grün ist, wird bewässert oder ist hartnäckiges Unkraut. Dieser Zeitraum im Sommer mit Zufütterung der Tiere ist fast vergleichbar mit unserer vegetationsfreien Winterzeit, nur dass man hier nicht unbedingt einen Stall gebraucht.

Kurz vor unserem ersten Ziel in Ouricasulo trafen wir Roland Winter, der uns bis zur Rückkehr nach Lissabon begleitete und in seiner unnachahmlichen Weise Land, Menschen, Tiere und das Leben in Portugal näher brachte. Traditionell hat Portugal verschiedene regionale Fleischrinderrassen, die sich über die Jahrhunderte dem kargen und rauen Umfeld angepasst haben und dementsprechend kleiner und aggressiver sind. (werden teilweise zum Züchten der Kampfstiere genutzt). Bei den intensiveren Rassen hat Limousin traditionell die Nase noch vorn, im weiten Abstand vor Charolais, Blonden oder Hereford. Seit den letzten Jahren nimmt aber die Anguspopulation stark zu. Anfänglich wurden auch DA-Tiere importiert. Aber die Portugiesen sind zu dem Schluss gekommen, dass die Vorteile der Rasse nicht nur in Produktionsumfeld zu suchen sind, sondern auch im Marketing beim Fleischverkauf. Sie haben schnell begriffen, was ein guter Markenname wert ist, haben das Label Pingo Doce kreiert und darin den weltweiten Markennamen Aberdeen-Angus festgeschrieben. Eigentümer des Labels ist die Vereinigung Aberdeen-Angus Portugal. Diese Vereinigung (Verband) kooperiert zurzeit noch mit einer Supermarktkette, mit weiteren werden Verhandlungen geführt. Das Label steht allen Produzenten zur Verfügung, die einen im Herdbuch aktiven AA Bullen besitzen. Die im Rahmen des Labels angebotenen Schlachttiere müssen zu mindestens 50% angusblütig sein. Der Preis je kg Schlachtkörpergewicht liegt zurzeit bei den Bullen bei 4,40 € und gilt für zwei Jahre. Für die Zukunft geht man davon aus, dass er 10-15% über der Durchschnittsnotierung liegen wird. Die Anlieferungsmodalitäten regeln die Produzenten vor Ort. Verstöße gegen die Labelbestimmungen werden mit 30.000 – 70.000 € Strafe geahndet. Wer von dem Label profitieren möchte, muss Aberdeen-Angus blütige Tiere halten und mindestens einen aktiven registrierten Bullen für jeweils max. 70 Kühe nachweisen.

Bei den Besamungszahlen über alle Rassen, inklusive Milchrinder, war eine für uns verblüffende Entwicklung festzustellen. Angus führt mit ca. 11.000 Erstbesamungen vor Limousin mit ca. 5.000 Erstbesamungen. Die anderen Rassen, wie Charolais, Blonde, Simmental oder Hereford, liegen alle unter 2.000. Für diese Entwicklung gibt es verschiedene Gründe. Reproduktionstechnisch bringen die Anguskreuzungen so gut wie keine Probleme mit sich. Die Tiere haben eine gute bis sehr gute Tageszunahme, die jederzeit mit Limousin konkurrieren kann. Weiterer entscheidender Pluspunkt für die Anguskreuzungen ist die verbesserte Fleischqualität, die sich nicht nur über Muskelfülle, sondern auch über eine sehr gute intramuskuläre Marmorierung, mit feinster Verteilung der Fettzellen und der damit verbundenen besonderen Saftigkeit und Schmackhaftigkeit definiert. Außerdem hat es der noch relativ junge Verband geschafft, mit dem eigenen Label (Brand) eine bessere Attraktivität und Perspektive im Vergleich zu den anderen Rassen zu schaffen. Der Selbstversorgungsgrad mit Rindfleisch liegt in Portugal nur bei 50 %. Als Außenstehender sollte man nicht versuchen, die Gründe dafür zu erforschen, die Sachlage ist zu vielschichtig.

 

Die Farm Aldeia dos Fernandes bot uns ein Spiegelbild portugiesischer Rinderzucht. Der Betrieb umfasst eine Größe von ungefähr 900 ha mit 120 Aberdeen-Angus, 100 Limousin- und 150 Kreuzungskühen. Der Eigentümer des Betriebes ist häufig für eine Erdölfirma in Ostafrika tätig, so dass seine Frau letztendlich den Betrieb managt. Ihr zur Seite stehen eine Betriebsleiterin sowie ein Tierarzt für Gesundheit und Herdenmanagement. Frau Cidalia Palma (Dona Cidalia)ist eine lebenslustige Unternehmerin, die selbst einige Bäckereien aufgebaut hat, in denen das Gebäck für ihre Cafés an der Algarve hergestellt wird und das wir selbstverständlich probieren durften. Der Betrieb wurde vor sieben Jahren gegründet, hat mit Limousin begonnen und vor drei Jahren die ersten Angusrinder importiert. Die Limousin sollen nach und nach durch Anguskühe ersetzt werden. Auf dem Betrieb wurde die heimische Rasse Mertolenga gehalten, von der wir beste Angus-Kreuzungsbullen zu Gesicht bekamen. Die Mertolenga gelten bei Kreuzungen als ideale Mutterasse. Geburtsschwierigkeiten sind unbekannt, und die Tageszunahmen der F1-Tiere mit Kreuzungsrassen wie Angus, Limousin usw. sind beachtlich.

 

Kreuzungen sind weltweit bei entsprechender Betriebs- oder Herdengröße eine übliche Form der Rinderhaltung, und die heimischen, regionalen Rassen können als wichtiges Kulturgut eines jeden Landes erhalten werden. Bei der umfangreichen Besichtigung verging die Zeit wie im Fluge, und der eine oder andere blickte verstohlen auf die Uhr, denn die bei uns übliche Mittagszeit mit einer Mahlzeit war längst verstrichen. Aber dies gehörte für uns zum Umstellungsprozess auf die mediterrane Lebensart. Mittagessen kaum vor 14.00 Uhr. Von uns hat wohl niemand im Vorfeld geglaubt, dass dann ein Essen noch zwei Stunden und länger dauern kann. Aber es war so, und niemanden wurde langweilig dabei. Voller Herzlichkeit wurden wir nach dem Essen vom Küchenchef des Lokals, seiner Frau und von unserer lieben Dona Cidalia verabschiedet.

Unser Weg führte nach Beja, einer sehr alten Stadt, die von den Römern gegründet wurde und als Wahrzeichen eine trutzige alte Burg in sehr gutem Bauzustand besitzt. Auf einem Hügel stehend, war die Stadt schon von weit her in der sie umgebenden Ebene zu sehen. Ihre Wurzeln reichen bis in keltische Zeit zurück, und danach war die Stadt ein wichtiger römischer Schauplatz. Anfang des 8. Jahrhunderts eroberten die Mauren die Stadt. Sie blieb muslimisch mit einer kurzen Unterbrechung bis 1228. Die Mauren prägten das Bild der Stadt mit den engen Straßen und den weiß getünchten Häusern, das in dieser Form bis heute erhalten geblieben ist. Trotz ihres Glaubens an Allah waren auch die Mauren abergläubisch, so unsere Stadtführerin, denn die Fensteröffnungen wurden zum Schutz vor bösen Geistern mit einer farblichen Borte bemalt. Auch heute noch.

 

Gut gestärkt ging es am nächsten Morgen, teils auch über holprige Straßen weiter, zu dem Betrieb von Roland Winter, den er mit seiner Frau Petra und einem Mitarbeiter bewirtschaftet. Roland Winter war vor seiner Übersiedlung nach Portugal Gemüsegärtner in der Schweiz und hatte dort portugiesische Hilfskräfte, die ihm und seiner aus Deutschland stammenden Frau Petra ihre heutige Heimat näher brachten. Er wirkt maßgeblich mit am Aufbau der portugiesischen Anguszucht und ist über die Quarterhorsezucht mit Angus in Kontakt gekommen. Die Anguskühe sollten bei Familie Winter die Weiden pflegen. Heute sind die 50-60 Aberdeen-Anguskühe das wesentliche Standbein zum Betriebseinkommen, und die Pferde spielen eine weniger wichtige Rolle. Die Kühe stehen in einem guten mittleren Rahmen mit ca. 750-800 kg Lebendgewicht und wurden aus Irland, England und Dänemark importiert. Einer der ersten Importe allerdings kam aus Deutschland. Die Herde präsentierte sich in bester Besichtigungskondition.

 

Ein Hingucker waren sicherlich die beiden Altbullen, von denen insbesondere der rote Red Label Sohn durch seine enorme Leichtfutterigkeit imponierte. Die nicht zur Zucht benötigten Bullen und ausselektierten weiblichen Tiere werden gemästet und mit Verbandslabel vermarktet. Über die Besamung werden vornehmlich Bullen mit guter Marbeling-Vererbung eingesetzt. Damit wird deutlich, in welche Richtung sich die Anguszucht in Portugal entwickeln möchte. Wir konnten Roland und Petra zu ihrer Arbeit und ihren Ideen nur gratulieren, denn alles war wie aus einem Guss.

 

Mit der Jagd lässt sich auch Geld verdienen.

Auf dem Weg zur nächsten Pause, Mittagessen, wurde uns der Betrieb Herdade dos Cacopos mit 1200 ha vorgestellt, der in dieser Form in Deutschland nicht so ganz alltäglich ist. Auf diesem Betrieb dominiert die Jagd. Auch in Deutschland soll es Leute geben, die mit der Bereitstellung von Jagdgelegenheiten Geld verdienen, aber bei der Jagd auf diesem Betrieb geht es um eine Spezies, die bei uns unbekannt ist. Es geht um Rothühner, die zur großen Familie der Fasane gehören und über eine unglaubliche Schnelligkeit beim Auffliegen verfügen sollen. Dies macht sie für begeisterte Jäger so interessant. Ein weiterer Einkommensschwerpunkt soll die Anguszucht werden. Die uns vorgestellte Angusherde befindet sich noch im Aufbau. Es handelte sich dabei um 50 tragender Rinder, die aus Irland importiert wurden und jetzt zum Abkalben standen.

 

Nach unserem Mittagessen, das uns die einfache, schnörkellose, aber trotzdem wohlschmeckende portugiesische Küche mit einem Lammeintopf als Vorspeise näher brachte, besuchten wir zunächst einen auf Schafhaltung und integrierter Lämmermast spezialisierten Betrieb mit 3000 Schafen der Rasse Campanicas. Die Ausmast der Lämmer erfolgt in Ställen mit Kraftfutter. Es wird ein Mastendgewicht von 50-60 kg angestrebt. Neben der Schafhaltung werden auf dem Betrieb noch 70 Alentejana Kühe gehalten, die auch züchterisch bearbeitet werden. In den Gesprächen mit dem Betriebsleiter war aber deutlich zu spüren, dass auch er sich immer wieder mit den Vor- und Nachteilen seiner Rasse beschäftigt, zurzeit aber immer noch dem Traditionsgedanken Vorrang eingeräumt wird.

 

Familienbetrieb produziert Schaf und Ziegenkäse

 

Der nächste Betrieb auf unserer Reiseroute entsprach einem klassischen Familienbetrieb deutscher Vorstellung mit Ausmast von Lämmern und der Käseproduktion aus Schaf- und Ziegenmilch. Die Gebäude des Betriebes lagen ziemlich alleine in der unter einer Hitzeglocke erstarrten und abgestorbenen Landschaft. Die Familie Manuel Matos in Corte da Velha war sehr erfreut über den Besuch aus Deutschland und zeigte uns voller Stolz und großer Offenheit ihre kleine blitzblanke Käserei. In der Zeit unseres Besuches wurde nur Ziegenmilch verarbeitet, die zugekauft wurde. Der Wettbewerbsvorteil dieses Familienbetriebes war der handwerkliche Herstellungsprozess des Käses, der für uns sehr gut nachvollziehbar ausführlich dargestellt wurde. Der Käserei war ein kleiner Verkaufsraum angeschlossen, in dem wir die Produkte probieren durften. Wir hätten gerne etwas von den handgemachten Köstlichkeiten mitgenommen, aber die Transportlogistik wäre wohl zu aufwändig gewesen. Und so fuhren wir nur mit unseren Erinnerungen weiter zurück nach Beja, wo die nächste kulinarische Überraschung auf uns wartete.

Rote Aberdeen-Angus begehrt, aber noch selten

Rote Angus sind in Portugal noch nicht sehr weit verbreitet, ihr Anteil liegt bei 13% der portugiesischen Anguspopulation. Begehrt sind insbesondere die jungen roten Bullen, die zur Einkreuzung mit Limousin benutzt werden. Die Stammkühe sind alle aus Dänemark, die aus den auch in Deutschland wohlbekannten Betrieben importiert worden sind. Am 4. Tag unserer Reise wurde uns die Herdade da Namorada in Mertola, in der Nähe der Stadt Beja vorgestellt, in deren Nähe bis vor einigen Jahren der größte Flughafen der deutschen Luftwaffe in Europa angesiedelt war. Der Betrieb bewirtschaftet über 1000 ha, davon 500 ha intensiver Ackerbau mit Bewässerung, auf denen fast ausschließlich Mais angebaut wird. Die größte Länge eines Bewässerungsgestells misst 500 m und ist zentral in der Mitte des Feldes an einem Mast befestigt.

 

Die bewässerten Flächen sind deshalb alle kreisförmig angelegt. Haben die Ackerflächen in der Region von Beja genügend Wasser, gehören sie zu den fruchtbarsten Portugals. Portugal verfügt über ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem, welches das Land mit Staubecken und Kanälen durchzieht und das immer weiter verästelt wird. An einem solchen Staubecken trafen wir auf die ca. hundertköpfige rote Angusherde, die mitten in der Abkalbesaison stand. Die Kühe konnten sich auf einem sehr weiten Areal verteilen und so ungestört ihre Kälber zur Welt bringen. Wasserbad inbegriffen. Neben der Red Angusherde, die noch weiter aufgestockt werden soll, werden 150 weitere Kühe der Kreuzung Limousin x Angus gehalten, bei denen in Folge der Labelnutzung nur noch Angusbullen zum Einsatz kommen. Nach einem vorzüglichen Mittagessen auf einer Seeterrasse unserer Gastgeber fuhren wir durch ein schönes hügeliges Weinanbaugebiet mit vielen neuen Olivenbusch- Plantagen die den Besitzern der alten, maschinell nicht zu erntenden Olivenbäume das Leben schwer machen in Richtung Evora zum Besuch und Besichtigung der regionalen Winzergenossenschaft in Vidigueira.

Stierkampf in seiner archaischen Form

Die einen wollen ihn als grausame Tierquälerei sofort abgeschafft sehen und die anderen in den Stand eines Weltkulturerbes erheben. Diese Diskussion konnten wir so ausführlich nicht führen, denn ein Besuch in einer Stierkampfarena stand bei der Planung unserer Reise nicht auf dem Programm. Wir erfuhren durch ein ausgehängtes Plakat davon, als wir am Abend die Stadt Evora erreichten. Der größte Teil unserer Reisegruppe hatte noch keinen Stierkampf erlebt und sah die Veranstaltung als Chance, dies nachzuholen, um sich selbst ein Bild zu machen. Im Unterschied zu Spanien und Frankreich darf der Stier seit dem 18 Jahrhundert in der Arena nicht getötet werden. Die Bullen werden nach dem Kampf geschlachtet oder bei besonders großer Gegenwehr für die weitere Zucht benutzt. Star in der Manege sind die Cavaleiros, die in ihren barocken Reituniformen versuchen mit waghalsigen Ritten die Leute von den Sitzen zu reißen. Dabei sieht es so aus, als ob der Stier eine Chance hätte Pferd und Reiter zu erwischen. Nur in den seltensten Fällen ist das so.   Spannung legte sich über die Arena, wenn der Reiter mit seinem Pferd dem Stier gegenüberstand, ihn taxierte, im Galopp auf ihn zuritt um ihn dann einen buntgeschmückten Speer in den Nacken zwischen die Schulterblätter zu stechen. Nach einer festgelegten Zeit müssen die Cavaleiros die Arena verlassen und bis dahin den Stier möglichst müde gehetzt haben. Danach kommt der Auftritt der Forcados. Dies ist eine Gruppe von acht Männern, die versucht, den Stier ohne Waffen zu bezwingen. Sie werden dabei von zwei Bandarilhas mit roten Tücher unterstützt. Sie stellen sich hintereinander auf, dem Stier gegenüber und gehen ihm langsam entgegen. Der vorderste Mann geht dem Stier mit Rufen und provozierenden Bewegungen besonders weit entgegen. Und dann kommt der Moment, in dem schon einmal ein entsetztes Aha zu vernehmen ist, oder man wegschaut, oder einem ein kalter Schauer den Rücken herunterläuft. Der Stier nimmt die Herausforderung an und rast mit gesenktem Kopf auf seinen Gegner zu. Man erwartet das Schlimmste, aber mit viel Mut und Geschicklichkeit versucht sich der Forcado an den Hörnern, Hals oder Kopf des Stieres festzuklammern. Gleichzeitig stürmen die anderen ihrem Kollegen zur Hilfe, werfen sich ebenfalls auf Kopf und Hals oder versuchen sich an den langen Hörnern festzuhalten. Gelingt dies, gilt der Stier als besiegt. Aber es kommt auch des Öfteren vor, dass es im ersten oder zweiten Anlauf nicht gelingt. Dann gilt es humpelnd und durchaus verletzt den nächsten Anlauf zu wagen. Misslingt auch der dritte Versuch, wird der Stier unbesiegt aus der Arena geleitet und der Cavaleiro und die Forcados werden gnadenlos ausgebuht und ausgepfiffen. Die Cavaleiros machen ihren Job hauptberuflich, die stolzen Forcados für die Ehre.

Am 5. Tag unserer Reise ging es dann zur Herdade de Defesa von Joao Queimado in der Nähe von Evora. Wir wurden sehr herzlich empfangen, und es wurde uns ein Blick in die Räume eines ungewöhnlichen herrschaftlichen Anwesens gewährt. Der Betrieb mit umfangreicher Korkproduktion hat 400 Alentejana-Kühe, die in Reinzucht gehalten werden und ohne Zufütterung auf den Weiden mit den Korkeichen standen. Diese Tiere sahen trotz des abgestorbenen Grases erstaunlich gut aus.   Man muss allerdings wissen, dass eine im Ertrag stehende Korkeiche etwa 2dt Eicheln produzieren kann und diese von den Kühen als energiereiches Futter gerne gefressen werden. Die Korkeichen benötigen 25 Jahre bis sie zum ersten Mal geschält werden können. Die nächste Ernte erfolgt im Abstand von neun Jahren. Die ersten zwei Ernten sind allerdings nicht so besonders wertvoll, so dass ein Korkeichenbaum fast 50 Jahre alt werden muss bis er voll im Ertrag steht. Die 60 Aberdeen-Angus standen auf einer Bewässerungs­fläche und waren 2011 aus Irland und Schottland importiert worden. Die Angusherde soll weiter wachsen und auch die Kreuzungen für die Fleischproduktion zwischen Alentajana-Kühen und AA- Bullen werden zunehmen. Bei dieser Besichtigung konnten wir dann auch hautnah einen jungen Kampfstier bewundern, der zwar grimmig aussah aber vom Verhalten her noch nicht besonders angriffswütig wirkte.

Neben der Besichtigung einer Olivenölfabrik am Nachmittag brachte uns eine holländische Stadtführerin am Abend mit Evora eine der schönsten und ältesten Städte Portugals näher, in der früher die Könige gekrönt wurden.

 

Unsere Rundreise näherte sich allmählich wieder Lissabon und die Vegetation war nicht mehr ganz so karg wie im südlichen Teil der Provinz Alentejo. Neu angepflanzte Olivenbusch-Plantagen, Maisfelder und große Korkeichenhaine prägten das Bild. In dieser Umgebung lag der letzte Betrieb, den wir besuchten. Die Herdade Silveiras, die Luis Tavares da Silva gehört, umfasst 900 ha mit einer großen Korkeichen­produktion und eine sehr bekannte Lusitano Pferdezucht. Diese Pferde werden seit Jahrhunderten als Nahkampf-, Stierkampf- und Hirtenpferde gezüchtet und streng auf charakterliche Qualität und Nervenstärke selektiert. Auch heute noch werden die Lusitanos in Portugal zur Rinderarbeit und weltweit für den berittenen Stierkampf eingesetzt. Sie sind mittelgroß und bieten einen hervorragenden Sitz. Auffällig ist ihr Ramskopf. Die häufigste Farbe ist der Schimmel, es gibt jedoch auch Braune und Füchse. Besonders begehrt sind Rappen, Cremellos und Falben. Aber unser Hauptaugenmerk galt ja den Angus, die 2011 aus Irland und Schottland importiert wurden. Auch auf diesem Betrieb werden gut mittelrahmige Kühe angestrebt mit einem Gewicht von etwa 750 kg. Die Herde umfasst zurzeit 100 Kühe, die abgesetzt von ihren Kälbern unter Korkeichen standen, und einen sehr guten Eindruck hinterließen.   Die Färsen wurden auf den trockenen, abgestorbenen Weideflächen mit Mais und Grassilage zugefüttert und kalben wie weltweit üblich mit zwei Jahren. Neben den Angus wurde noch eine 150 köpfige Kreuzungsherde gehalten mit starkem Charolaiseinschlag. Vater der Kälber ist aber immer ein roter oder schwarzer Angusbulle. Luis Tavares da Silva ist ein passionierter Tierzüchter, der mit sehr viel Überlegung auch selber seine Bullen züchtet und immer auf der Suche nach der besten Genetik für seine Herde ist. Roland Winter und Er hatten für uns noch ein besonderes Highlight organisiert. Zum Ende unserer züchterischen Rundreise wurde von Roland Winter und ihm noch ein besonderes Highlight für uns organisiert. Wir verzichteten zum Ende unserer Reise auf die vorgesehene freie Zeit in Lissabon und besuchten eine Tierschau in Montemor-o-Novo, zwischen Evora und Lissabon gelegen. Auf dem Tierschaugelände befindet sich auch das Vermarktungszentrum für die portugiesische Fleischrinderzucht mi einer Auktionshalle, in der jährlich 25000! Absetzer der verschiedensten Rassen und Kreuzungsstufen umgesetzt werden. Eine beeindruckende Zahl. Es war schon sehr interessant die verschiedensten Tierarten und Rassen aus nächster Nähe betrachten zu können.

 

Die Angus standen mit Limousin in einem Zelt, zwar zahlenmäßig noch nicht ganz so stark vertreten aber leistungsmäßig auf keinem Fall unterlegen. Bei den ausgestellten Bullen dominierte die irische und schottische Genetik. Luis Tavares da Silva ließ es sich nehmen, uns während der ganzen Zeit zu begleiten und auf alle Fragen eine Antwort zu geben und natürlich war er sehr neugierig auf das, was bei uns in Deutschland passiert.
Durchaus müde stiegen wir nach dem Rundgang über die Schau in unseren Bus, ganz herzlich verabschiedet von Luis Tavares da Silva, der uns einen ganzen Tag seiner Zeit schenkte und alle Fragen auch auf dem Tierschaugelände mit viel Geduld beantwortete. Der letzte Tag unserer Reise war der Hauptstadt Lissabon gewidmet. Allein dafür hätten wir eine Woche gebraucht. Aber so sollte es ja auch sein. Die Neugierde auf ein Land darf durchaus etwas länger anhalten.

 

Weitere Bilder finden Sie demnächst im Album.