Anguszüchter der IG-Angus West gehen neue Wege

Published: Monday, 21 October 2019 09:39
Written by Johannes Hibbeln

Zum zweiten Mal hatten die Züchter der IG Angus-West zum der Tag der offenen Tür der Prüfstation für Angusbullen in Everswinkel eingeladen. Für die Vermarktung der Prüfbullen besteht nämlich eine Besonderheit. Sie werden nach Beendigung ihrer Eigenleistungsprüfung, die durch das FHB Bonn organisiert und durchgeführt wird, nicht öffentlich versteigert, sondern Kaufinteressenten und Verkäufer einigen sich in privaten Gesprächen über die Verkaufssumme. Die bisherigen Ergebnisse waren für alle Seiten durchaus positiv, so dass eine Fortführung dieses Verfahrens auf der Hand lag.

Aber selten ist etwas gut genug, um es nicht noch zu verbessern. Dies gilt auch für die Organisation und den Ablauf des Tages der offenen Tür. Die Mitglieder der IG Angus-West kamen nach mehreren Gesprächsrunden überein, neben der Präsentation der Bullen den Besuchern(innen) auch  neue Aspekte zur Wirtschaftlichkeit der Rasse vorzustellen, darüber hinaus aber auch einen Blick auf unser Nachbarland, die Schweiz, zu werfen.  Denn hier geht man zum Teil neue Wege der Haltung und Vermarktung, bei denen insbesondere die emotionalen Aspekte einer zahlungskräftigen Käuferschicht bedient werden.

Mit drei Vorträgen im Versuchs- und Bildungszentrum Haus Düsse, Bad Sassendorf, zur Wirtschaftlichkeit und Werbung, und einem Vortrag am zweiten Tag auf dem Hof von Dr. Peter Lütke-Bornefeld über interessante Entwicklungen in der Schweiz, hatte man ein anspruchsvolles Programm auf die Beine gestellt. Komplettiert wurde es durch die ungewöhnliche Vorstellung und Kommentierung der Prüfbullen durch den in Deutschland sehr bekannten Schweizer Experten und Anguszüchter Armon Flieri.

Nach einem Besuch einiger Mitglieder der IG in der Schweiz war man zu dem Ergebnis gekommen, dass einige unserer Schweizer Züchterkollegen einen Weg mit  neuem Hintergrund in der Vermarktung beschreiten, der zukunftsweisend sein kann.  So begann die Veranstaltung vielversprechend am Abend des 11.10.2019 vor großem Publikum in der Aula auf Haus Düsse. Die Begrüßung der Vortragsredner(in) und eines großen Teilnehmerkreises lag in den bewährten Händen des Zuchtleiters des FHB Bonn, Dr. Josef Dissen. Als besonderen Gast konnte er mit Frau Dr. Sabine Schmidt, die Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Angushalter und -züchter (BDAH e.V.) begrüßen. Sie hatte den weiten Weg aus Mecklenburg-Vorpommern auf sich genommen, um an  dieser Veranstaltung teilzunehmen.

Die Fleischrinderrasse Angus ist derzeit in Deutschland wohl die wachstumsstärkste. Sie wird in hohem Maße durch die glänzenden Exportzahlen begünstigt, denn etwa zwei Drittel aller Fleischrinderexporte aus Deutschland entfallen auf die Rasse Angus, so Dr. Josef Dissen. Aber insgesamt sei die Situation auf dem Fleischrindermarkt durchwachsen, und man müsse hier nach besseren Wegen in der Vermarktung suchen, dies auch unter dem Aspekt verschiedener Freihandelsabkommen. Für die Rasse Angus gelte aber auch zunehmend die Erkenntnis, dass sie mit ihren sehr guten Aufzuchtergebnissen auch durchaus Vorzüge in der Mast habe. Auch mit der Fleischqualität sei man auf gutem Wege.

Die Mitglieder der IG Angus-West freuten sich besonders über den Besuch von Frau Dr. Sabine Schmidt. Sie überbrachte die Grüße des Rasse­verbandes zu dieser Veranstaltung, die in dieser Form wohl erstmalig in Deutschland durchgeführt werde. Sie ging kurz auf die positive Entwicklung der deutschen Anguszucht ein, zeigte aber auch Erschwernisse im Export durch tierschutzrechtliche Verordnungen auf. So z. B. bei beabsichtigten Exporten nach Kasachstan. Deshalb sei es aus ihrer Sicht unerlässlich, auch den deutschen Markt in all seinen Facetten im Auge zu behalten.

Drei exklusive Vorträge für die Praxis

Als erster Gastredner trat Manfred Stallfort, Bullenmäster aus Saerbeck, Münsterland, mit ca. 630 Mastplätzen, an das Mikrophon. In seinem kurzweiligen Beitrag stellte er kurz die Entwicklung seines Betriebes vor und beschrieb den langen Weg, bis er zur Rasse Angus fand. Er habe Erfahrungen mit durchaus populären Mastrassen gesammelt, aber keine habe ihn so überzeugen können wie die Rasse Angus. Angusbullen hätten zwar nicht die allerhöchsten Tageszunahmen, aber die Ruhe im Stall, die Umgänglichkeit der Tiere und die niedrige Verlustquote seien unübertroffen. Deshalb würden auf seinem Betrieb seit 2012 ausschließlich Angus gemästet. Manfred Stallfort sprach nicht nur offen über die Entwicklung seines Betriebes, sondern hatte auch keine Scheu, die Betriebsauswertungen des Arbeitskreises Bullenmast, Kreis Steinfurt, vorzustellen. Die Ergebnisse seines Betriebes wurden dabei separat ausgewiesen. Er ist in diesem Arbeitskreis der einzige Angusmäster, und die Auswertung zeigte ein hervorragendes Ergebnis für seinen Betrieb. Aber das wichtigste sei für ihn das hervorragende Handling der Angusbullen, betonte er mehrfach. In der Haltung, Vermarktung und Preisfindung sah er für seinen Betrieb noch Luft nach oben. In der Zusammenarbeit mit einem jungen engagierten Metzgermeister werde die Qualität der Angus-Schlachtkörper deutlich sichtbar, die bei unserem derzeitigen Klassifizierungssystem aber keine Berücksichtigung finde und deshalb auch nicht bezahlt werde. Er forderte dazu auf, nach Wegen zu suchen, um diesen Missstand zu beseitigen, denn davon würden alle Züchter, Halter und  Mäster profitieren. Parallelen zur Schweiz drängen sich auf.

Im zweiten Vortrag machte Frank Hübner als Betriebswirtschaftler und Unternehmensberater der LWK NRW mit seinen Ausführungen den Anwesenden ebenfalls Mut. Sie konnten seinen Zahlen entnehmen, dass die leichtere Mutterkuh trotz geringerer Verkaufserlöse in der Gesamtwirtschaftlichkeit gut abschneidet. Er sieht ein Plus von 100 € zugunsten der leichten Mutterkuh im Vergleich zur schweren. Potential für die Angus als mittelrahmige Rasse sieht er auch in der zukünftigen Vermarktungsstrategie, in der die Grundfutteraufnahmekapazität eine wichtige Rolle spielen wird. Frank Hübner hatte sich viel Arbeit für seinen Vortrag gemacht und viele bislang wenig bekannte Informationen zusammengetragen, die einen deutlichen Nachweis der Vorzüglichkeit der Rasse Angus auch in und für Deutschland dokumentierten.

Im dritten Vortrag des Abends, von Leonie Hagenkamp, Landservice-Beraterin für Agrarmarketing und Direktvermarktung der LWK- NRW, ging es um Werbung der besonderen Art unter dem Stichwort andersARTig, die Dachmarke für die Vermarktung von hochwertigen landwirt­schaftlichen Nischenprodukten. Sie stellte in ihrem lockeren, informativen Beitrag dar, auf welche Einzelheiten und Schwerpunkte der Werbung es in der heutigen Zeit ankomme. Dazu gehöre, dass man sich mit den Wünschen und Sorgen der Kunden(innen) beschäftige. Alles was nicht kommuniziert wird, hat keine Relevanz, so der Grundtenor ihres Vortrages.

Nachfolgend ihre wichtigsten Thesen:


Die Mitglieder der IG Angus-West hatten sich bei der Werbung für ihre Veranstaltung der Dienste von andersARTIG bedient und haben damit eine sehr positive Resonaz erreicht.Am zweiten Tag wurde das Programm auf dem Hof von Dr. Lütke-Bornefeld mit einem Vortrag vom Schweizer Anguszüchter Stefan Siegenthaler über die Entwickelung der Label „Black Swiss Angus“ und „IP Suisse“ fortgeführt. Seine Aussagen schlossen sich nahezu nahtlos an die Thesen von Leonie Hagenkamp an. Entstanden ist das Label „Black Swiss Angus“ aus der Unzufriedenheit einiger Angushalter und -züchter in der Schweiz mit der Preisfindung ihrer  Schlachttiere. Trotz besserer Fleischqualitäten wurden sie nach dem Schweizer TAX- System, vergleichbar mit unserem EUROP- System, schlechter klassifiziert und bezahlt als die Tiere einer anderen wichtigen Mutterkuhrasse in der Schweiz. Sie gründeten daraufhin das Label „Black Swiss Angus“ und sind fester Bestandteil des Labels „IP Suisse“ geworden, mit einer besseren Bezahlung ihrer Tiere. Einzelheiten zum Label sind bei Wikipedia  unter IP Suisse zu erfahren. Der Vortrag von Stephan Siegenthaler kann sicherlich kontrovers diskutiert werden, er kann aber auch als Vortrag mit einem konkreten Blick in die Zukunft betrachtet werden.

Unvergleichliche, exklusive Vorstellung

Höhepunkt und glänzender Abschluss der Veranstaltung waren die Vorstellung der 16 Prüfbullen und ihre Beurteilung durch den Schweizer Experten Armon Flieri. Vor großem Publikum durften sich die Beschicker der Stationsprüfung über ein großes Lob aus berufenem Munde freuen. Armon Flieri ist selbst Anguszüchter und Chefbeurteiler beim Verband Mutterkuh Schweiz und hat schon die erste Angusjungtierschau 2013 auf der Grünen Woche in Berlin gerichtet. Die Bullen wurden in Everswinkel unter freiem Himmel jeweils zu zweit lose in einen großräumigen Vorführring zur Beurteilung gebracht. Damit konnten insbesondere das Skelett, Beinwerk und Charakter bestens beurteilt werden. Mit dieser Form der Präsentation wurde eine unverfälschte Vorstellungsweise der jungen Bullen gefunden, die in Deutschland einmalig sein dürfte. Armon Flieri hatte wenig zu bemängeln, aber viel zu loben. Er lobte ausdrücklich die hervorragende Qualität der vorgestellten Bullen, die Anfang November ihre Prüfung als gekörte Bullen beenden werden. Die Bullen standen für ihn im gut mittleren Rahmen, ausgestattet mit sehr guten Fundamenten und einer sehr tiefen Rippe, die sie befähigen, sehr viel Grundfutter aufzunehmen. Aber auch die Bemuskelung dürfte allen Anforderungen entsprechen. Die Bullen waren vor der Beurteilung von ihm vermessen worden, um zu einem sicheren Urteil zu gelangen. Natürlich gab es entsprechend ihrer interessanten Genetik Differenzen im Exterieur.

Die sehr gute Resonanz der Veranstaltung wird das 2. Angusforum in 2020, organisiert durch die IG Angus-West, zur Folge haben.

Die Körung der präsentierten Bullen wird Anfang November erfolgen. Die Körnoten werden dann umgehend im Internet auf den Websites des FHB, der IG Angus-West und des BDAH veröffentlicht.

Kaufinteressenten können sich an das FHB oder direkt an die Beschicker wenden.

v.l. Dr. Sabine Schmidt, Dr. Josef Dissen, Armon Flieri, Franz Loer, Stefan Siegenthaler, Manfred Stallfort, Frank Hübner und Leonie Hagenkamp
v.l.: Dr. Sabine Schmidt, Dr. Josef Dissen, Armon Flieri, Franz Loer, Stefan Siegenthaler, Manfred Stallfort, Frank Hübner und Leonie Hagenkamp
vBesucher(innen) auf dem Weg zur Vorstellung der Prüfbullen
Besucher(innen) auf dem Weg zur Vorstellung der Prüfbullen
 

Text: Johannes Hibbeln, Kleinenberg